Führung & Wirtschaft
Digitalisierungsoffensive vs. Methode

Muss die Schule der Zukunft einfach nur digitalisiert werden und alles ist super? Kann das so stimmen oder ist das eher ein Trugschluss?
Ist die vielbeschworene Digitalisierungs-Offensive die entscheidende Lösung für die Schule der Zukunft, mit Hightech-Geräten für jeden und kompletter Vernetzung im Unterricht für morgen? Zu diesem Thema beschäftigte sich u.a. die Veranstaltung „24 Stunden digitale Bildung in MV“, über die wir zuletzt berichteten.
Schon 2020, mitten im Lockdown, sind unterschiedliche Forscherteams auf die Suche gegangen, wie wir Lernen und was Schüler_innen tatsächlich zum Erfolg führen kann. Was in den Schulen aufgrund der noch nicht allumfassenden Ausstattung schwierig zu messen ist, sieht in den Hochschulen und Universitäten schon anders aus. Hier wird teilweise bereits voll digital in den Vorlesungen agiert und aufgezeichnet. Insofern gingen die Forscherteams in diese Wissenstransfereinrichtungen. Die grundsätzliche Frage, die im Raum stand war, „hat der technische Fortschritt einen Fortschritt beim Lernen gemacht?“
Ein Experiment war darauf ausgerichtet, dass eine komplette Vorlesung projiziert wurde. Es machten sich 60 ausgewählte Probanden Notizen dazu. Die eine Hälfte nutzt dazu Laptops, die andere macht Notizen mit der Hand. Die Untersuchung konzentrierte sich auf folgende Punkte: wer kann den Inhalt der Vorlesung besser wiedergeben und die Erkenntnisse besser auf andere Problemstellungen übertagen?
Wie wir neue Inhalte aufnehmen und wie unser Gehirn sie speichert, ist Gegenstand intensiver Forschung. Jede Information besteht meist aus völlig verschiedenen Sinneseindrücken. Im sogenannten Hippocampus werden sie bewertet, vor- und teilweise aussortiert. Im nächsten Schritt speichert das Gehirn die Eindrücke parallel an verschiedenen Orten. Je aktiver das Gehirn dabei ist, desto mehr verfestigen sich die Nervenverbindungen.
In der Auswertung der verschiedenen Aufzeichnungen spielten folgende Fragen eine Rolle:
- Wie viel direkte Übereinstimmung gibt es zum Inhalt der Vorlesung?
Die elektronischen Skripte enthalten knapp die Hälfte mehr Wörter als die handschriftlichen Aufzeichnungen. Zudem entsprechen die elektronischen Texte deutlich häufiger dem direkten Wortlaut der Vorlesung.
- Welche Gruppe hat mehr gelernt?
Dazu wurde eine Woche später ein Wissenstest durchgeführt. Zur Vorbereitung dürfen beide Gruppen ihre Aufzeichnungen benutzen. Der Test enthält sowohl Wissens- als auch Verständnisfragen.
Das Ergebnis: Beim Faktenwissen schneiden die Studierenden mit elektronischen Notizen etwas schlechter ab. Der Vorteil von handschriftlichen Aufzeichnungen wird noch deutlicher bei Verständnisfragen. Die Lernergebnisse hier sind eindeutig besser.
Die Erklärung der Forschenden: weil die Studierenden bei der Mitschrift per Hand langsame sind, müssen sie die Inhalte schon während der Vorlesung zusammenfassen und mit Skizzen veranschaulichen. Beim Wiederholen der Inhalte, wie zur Vorbereitung eines Tests, werden die Zusammenhänge wieder hergestellt. Die an verschiedenen Orten im Gehirn gespeicherten Eindrücke werden nun zusammengefügt wie bei einem Puzzle. Vorwissen und eigene Bewertungen kommen dazu. Das vollständige Puzzle-Bild wird wieder im Netzwerk der Neuronen gespeichert. Dies verstärkt erneut die Nervenverbindungen, vertieft also das Gelernte noch einmal. Die Sinneseindrücke beim Schreiben mit der Hand sind weitere Anregungen für das Gehirn, sowohl beim Aufnehmen als auch beim Wederholen der Informationen. Mit Hilfe des räumlichen Eindrucks, wo steht was, kann das Gehirn Inhalte besonders gut abspeichern. Denn im Verlauf der Evolution wurde es für die räumliche Orientierung optimiert. Selbst das Schreiben auf einem Tablet hat nicht den gleichen Effekt. Es fehlt ein großer Teil der räumlichen Zusatzinformationen.
In der Schule von heute hat die digitale Technik jedoch auch Vorteile. Beispielsweise zur Recherche im Internet, zur Darstellung komplizierter Sachverhalte oder zum Teilen von Inhalten. Geht es allerdings um den Lernerfolg, zeigt der Vergleich, dass die klassische Methode, das Lernen mit handschriftlichen Aufzeichnungen, im Vorteil ist.
Das Experiment findet also heraus, dass wir am besten in Zusammenhängen lernen und wenn wir mit der Hand schreiben. Da scheint unsere evolutionäre Grundausstattung einer totalen Digitalisierung ziemlich im Wege zu stehen??! Und in der Tat, das Wort BEGREIFEN hat was mit GREIFEN zu tun, also mit unserer Hand. Unsere Hand mit ihren vier Fingern und dem beweglichen Daumen ist vielleicht ein Geniestreich unserer Evolution?! Dank ihr können wir Dinge sehr genau greifen, können verstehen, um was es sich handelt. Somit hat Begreifen etwas mit Erkennen zu tun. Und je mehr wir begreifen und erkennen, umso besser können wir uns etwas vorstellen. Die Forschung ist sich inzwischen ziemlich einig, dass unsere Gehirnleistung, in Zusammenhängen zu denken, aber auch neue Zusammenhänge zu entdecken – d.h. neue gedankliche Verbindungen aufzubauen, zu lernen, ganz eng mit der körperlichen Fähigkeit des Begreifens zu tun hat. Bildschirme und Computer sind ja nur zweidimensional aber unsere Hand ist für das Begreifen in einer dreidimensionalen Welt gemacht.
Ein grundlegendes Fazit abzuleiten, dass wir also in den Schulen ALLES digitalisieren und dann ist die Schule für die Zukunft perfekt aufgestellt, das kann so offensichtlich nicht stimmen – oder wie sehen Sie das???